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Empfehlungen für das Sicherheitsmanagement deutscher Unternehmen während des Irak-Krieges
Interview mit Jörg Helmut Trauboth von Dipl.-Kfm. Frank Roselieb
Überblick
In der Nacht zum 20. März 2003 hat die "gewaltsame Entwaffnung" des Iraks begonnen. Die kriegsführende Allianz gegen Saddam Hussein besteht aus den USA und Großbritannien sowie einigen weiteren unterstützenden Ländern - beispielsweise Spanien und Australien. Neben den noch recht unspezifischen politischen und volkswirtschaftlichen Auswirkungen haben die Ereignisse auch ganz konkrete Folgen für das Sicherheitsmanagement deutscher Unternehmen.
Wie groß ist das Risiko für Firmen zwischen Flensburg und Freiburg, Opfer von Terroranschlägen durch Irak-Sympathisanten zu werden? Sind "Cyberattacken" – also Angriffe aus dem Internet – gegen deutsche Unternehmen wahrscheinlich? Wo können sich Führungskräfte vor Reiseantritt verlässlich über das aktuelle Risiko bei Auslandsaufenthalten informieren?
Antworten auf diese und andere Fragen zum Sicherheitsmanagement deutscher Unternehmen während des Irak-Krieges gibt Jörg Helmut Trauboth (Foto) aus Sankt Augustin bei Bonn. Der ehemalige Oberst der Luftwaffe ist heute geschäftsführender Gesellschafter der Trauboth Risk Management GmbH. Die Fragen stellt Dipl.-Kfm. Frank Roselieb vom Krisennavigator – Institut für Krisenforschung in Kiel.
"Ob Terrorgruppen das deutsche 'Nein' zum Krieg tatsächlich bei ihrer Anschlagsplanung berücksichtigen, ist ungewiss."
Krisennavigator: Der irakische Staatschef Saddam Hussein hat in seiner ersten Ansprache nach Kriegsbeginn erklärt, "überall auf der Welt" angreifen zu wollen. Werden bald auch in Deutschland die Sirenen heulen?
Trauboth: Das halte ich für unwahrscheinlich. Nach den bisher vorliegenden Informationen verfügt der Irak über keine weitreichenden biologischen oder chemischen Waffen, die Deutschland, Österreich oder die Schweiz unmittelbar bedrohen könnten. Gleichwohl ist der nun begonnene Krieg eine ideale Plattform für Terrororganisationen wie El Kaida oder die Mudschahedin, um – gestützt auf die breite Ablehnung zahlreicher Staaten gegen die Haltung der US-Regierung – neue Terroranschläge gegen den Erzrivalen USA durchzuführen. Bisher kann diese Anschlagsgefahr allerdings auch von staatlicher Seite noch nicht konkretisiert werden.
Krisennavigator: Die Bundesregierung hat sich bis zuletzt konsequent gegen einen Krieg ausgesprochen. Wirkt diese Haltung nicht eher sicherheitsstabilisierend für deutsche Unternehmen?
Trauboth: Natürlich ist die Sicherheitslage in Deutschland vergleichsweise günstiger zu bewerten als die der USA oder von Großbritannien – also unmittelbar kriegsführender Nationen. Inwieweit terroristische Gruppierungen dieses klare deutsche "Nein" allerdings auch tatsächlich bei ihrer Anschlagsplanung berücksichtigen, bleibt offen. Trotz der Haltung Berlins ist Deutschland weiterhin ein potentielles Zielland für Terroranschläge. Die Gründe dafür sind vielfältig: Erstens wurden mehrere Terroristen der Anschläge vom 11. September 2001 in Deutschland verhaftet und auch hier vor Gericht gestellt. Zweitens gestehen selbst deutsche Sicherheitsbehörden ein, dass - trotz zahlreicher Fahndungserfolge - das Terrornetzwerk der "Gotteskrieger" bislang nicht entscheidend geschwächt wurde und operativ voll einsatzfähig ist. Drittens sind die deutsch-amerikanischen und deutsch-britischen Beziehungen weiterhin sehr eng. Viertens unterhalten die Amerikaner zahlreiche Basen und Einrichtungen in Deutschland. Fünftens ist Deutschland mit einem Bein doch beim Krieg dabei und zwar an Bord der AWACS-Flugzeuge über der Türkei.
"Geschäftsreisende sollten berücksichtigen, dass staatliche Stellen aus nachvollziehbaren diplomatischen Gründen eher reaktiv warnen."
Krisennavigator: Nordrhein-Westfalen hat vorsorglich 2500 Bereitschaftspolizisten in Alarmbereitschaft versetzt. Auf Landes- und Bundesebene wurden Krisenstäbe gebildet. Was bleibt für die Unternehmen jetzt noch konkret zu tun?
Trauboth: Ich empfehle, die Sicherheitsstandards für exponierte Hochhäuser, Sendeanlagen, Datenzentralen und Produktionsstätten der neuen Lage anzupassen. Bereits eingesetzte private Sicherheitskräfte sollten gezielt unterrichtet werden, worauf nun besonders zu achten ist. Terroristen suchen sich nicht selten symbolträchtige Orte oder exponierte Einzelpersönlichkeiten für ihre Attacken aus. Terroranschläge werden zuweilen "medial inszeniert". Die erfolgreiche Abwehr eines Angriffs steht und fällt letztlich mit der Wachsamkeit der eingesetzten Sicherheitskräfte. Kommt es tatsächlich zu einem Anschlag auf deutschem Boden, so wird der Bedarf an privaten Sicherheitskräften für Objekt- und Personenschutz sprunghaft ansteigen. Auch dieses sollte rechtzeitig in der betrieblichen Sicherheitsplanung berücksichtigt werden.
Krisennavigator: Einige deutsche Unternehmen beschäftigen heute schon mehr Mitarbeiter außerhalb der deutschen Grenzen als innerhalb. Was ist international agierenden Unternehmen – gerade aus dem größeren Mittelstand – in dieser Situation zu raten?
Trauboth: Alle Auslandsaktivitäten mit Relevanz zum Irak-Krieg sollten überdacht werden. Dabei ist stets ein Maßstab anzulegen, der den individuellen Schutzinteressen der einzelnen Mitarbeiter entspricht. Konkret heißt das, dass neben britischen und US-amerikanischen Fluglinien konsequenterweise auch spanische, australische und polnische Gesellschaften gemieden werden sollten. Generell rate ich von allen Reisen in den Nahen Osten ab. Das schließt die Türkei genauso ein, wie Ägypten oder Dubai. Reisende sollten stets bedenken, dass staatliche Einrichtungen aus nachvollziehbaren, diplomatischen Gründen eher reaktiv warnen. Reisewarnungen offizieller Stellen – wie beispielsweise des Auswärtigen Amtes - können also die gebotene Fürsorgepflicht von Unternehmen gegenüber ihren eigenen Mitarbeitern keineswegs ersetzen, sondern diese bestenfalls ergänzen. Mittelständische Unternehmen ohne eigene Sicherheitsabteilung sollten für ihre Mitarbeiter im Ausland einen täglichen Informationsservice via Telefax oder E-Mail einrichten. Das beruhigt einerseits die Gemüter und sorgt andererseits für eine Aufrechterhaltung des Kontakts. Außerdem ist eine ständige Erreichbarkeit von Entscheidungsträgern in Deutschland zu gewährleisten. Hier reicht manchmal schon die private Handynummer des Geschäftsführers aus, der im Notfall die Evakuierung seiner Mitarbeiter aus dem Ausland veranlassen kann.
"Die aufkommende Panikmache in der Medienberichterstattung sollte als solche erkannt und daher besser einer individuellen Risikoanalyse der Vorzug gegeben werden."
Krisennavigator: Welche konkreten Gefahren drohen deutschen Unternehmen, wenn "Schläfer" für Terroranschläge in der Bundesrepublik aktiviert werden?
Trauboth: Es liegen derzeit keine konkreten Erkenntnisse vor, wonach Terrorgruppen in Deutschland über radioaktive, biologische oder chemische Kampfstoffe verfügen könnten. Anschläge auf deutsche Unternehmen müssen allerdings auch keineswegs von deutschem Boden aus organisiert werden. Schon in Friedenszeiten richten Hacker über eine Entfernung von mehreren tausend Kilometern zuweilen gigantische Schäden in Unternehmen an. Auch staatlich unterstützte "Cyberkrieger" sind längst Realität. Von den Israelis und Arabern wissen wir beispielsweise, dass sie ganz gezielt die Websites der Gegner manipulieren. Offizielle Stellen in der USA halten auch eine Kombination aus Terroranschlag vor Ort und Attacke über das Internet für realistisch. Beispielsweise könnte - zeitgleich zu einem Bombenanschlag - das Telefon- und Stromnetz einer Region über das weltweite Datennetz lahmgelegt werden. Die Opfer hätte dann keine Möglichkeit, einen Notruf abzusetzen, und auch die Koordination der Katastrophenhelfer wäre stark behindert. Bislang sind aber Angriffe dieser Art bloße Gedankenspiele, die aber durchaus Wirklichkeit werden könnten. Insgesamt empfehle ich, bei der unternehmerischen Präventionsplanung nicht das nötige Augenmaß zu verlieren. Die aufkommende Panikmache in der Medienberichterstattung sollte als solche erkannt und daher besser einer individuellen Risikoanalyse der Vorzug gegeben werden.
Krisennavigator: In Kriegszeiten sind verlässliche, unmanipulierte Nachrichten schwer zu bekommen. Wo können deutsche Unternehmen vertrauenswürdige Informationen zur aktuellen Bedrohungslage erhalten?
Trauboth: Soweit es um die Lageentwicklung geht, ist den kriegsführenden Parteien tendenziell nicht zu glauben. In Kriegen bleibt die Wahrheit im Regelfall den strategischen Zwecken untergeordnet - und damit häufig auf der Strecke. Die recht abstrakten Warnungen der offiziellen Stellen in den nicht unmittelbar beteiligten Ländern machen eine konkrete Lageeinschätzung für Unternehmen ebenfalls schwierig. Zudem verfügt Deutschland bis heute nicht über ein nationales, ressortübergreifendes Krisenmanagement, das Anschläge bereits im Entstehen vereiteln könnte. Ich finde es offengestanden beschämend, dass deutsche Unternehmen in dieser kritischen Zeit von staatlichen Stellen keine wirkliche Hilfe und Orientierung erhalten. Auch die zuständigen Sicherheitsverbände in Deutschland agieren nicht hilfreich, sondern eher hilflos. Relativ verlässlich – wenngleich auch meist zeitverzögert – sind die Reiseinformationen des Auswärtigen Amtes. Auch große Onlinemedien – wie Spiegel.de oder Welt.de – gewichten recht gekonnt zwischen manipulierten und verlässlichen Informationen. Darüber hinaus können Sicherheitsdossiers von vorwiegend US-amerikanischen Anbietern käuflich erworben werden. Fast alle großen internationalen Konzerne haben entsprechende Online-Dienste im Abonnement. Eine recht gute Internet-Quelle ist auch www.airsecurity.com. Für unsere eigenen Kunden geben wir regelmäßig sogenannte "Lageanalysen" heraus. Diese stützen sich auf eigene Recherchen und objektive, amtliche Quellen. Damit möchten wir den Unternehmen eine verlässliche Hilfestellung in deutscher Sprache bei der Beurteilung der eigenen Sicherheitslage geben. Dieser Service hat sich auch in der Zeit nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 bewährt und erfreut sich - wohl auch wegen der mangelhaften amtlicher Informationspolitik - eines großen Zuspruches.
"Gefährlich bei Terroranschlägen ist nicht zuletzt der unkontrollierte Ausbruch von Angst und Panik."
Krisennavigator: Die Fernsehbilder von Raketeneinschlägen im Irak und in Kuwait verängstigen viele Menschen. Wie sollten Unternehmen mit dieser unterschwelligen Angst ihrer Mitarbeiter umgehen?
Trauboth: Wenn Menschen über mehrere Wochen oder sogar Monate mit den Bildern eines Kriegsschauplatzes konfrontiert werden, sinkt die Aufnahmeschwelle für katastrophale Nachrichten auf ein Minimum. Es beginnt ein ganz natürlicher Abstumpfungsprozess gegen das vor Augen geführte Leid unschuldiger Dritter. Wenn nun im Umfeld der passiven Betrachter tatsächlich etwas passiert - beispielsweise eine Explosion in einer Werksanlage - ist die Gefahr für einen unkontrollierten Ausbruch der aufgestauten Angst sehr groß. Ich fürchte daher, dass bei einem möglichen Terroranschlag in Deutschland Panik eine große Rolle spielen wird. Deswegen appelliere ich an die Unternehmen, nicht nur Notfall- und Krisenpläne, sondern auch erfahrene Krisenmanager in den Unternehmen verfügbar zu halten. Diese sollten auch unter Panikbedingungen führen und Ordnung in das entstehende Chaos bringen können.
Krisennavigator: Vielen Dank für dieses Gespräch.
Ansprechpartner
Trauboth Risk Management GmbH Marie-Curie-Straße 1 D-53757 Sankt Augustin Telefon: +49 (0)2241 92 920 - 0 Telefax: +49 (0)2241 92 920 - 10 Internet: www.trauboth-risk-management.de E-Mail: trm(at)trauboth-risk-management.de | 
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Erstveröffentlichung im Krisennavigator (ISSN 1619-2389): 6. Jahrgang (2003), Ausgabe 3 (März)
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Vervielfältigung und Verbreitung - auch auszugsweise - nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung des Krisennavigator - Institut für Krisenforschung, Kiel. © Frank Roselieb 1998-2008. Alle Rechte vorbehalten. Internet: www.krisennavigator.de | E-Mail: roselieb(at)krisennavigator.de
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Krisenmanagement: Ein Fall für den Krisenstab [Financial Times] Stell dir vor, es ist Krise [Manager Magazin] Die virtuellen Sanitäter [Die Welt]
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